Wie alles begann
Es gibt Momente im Leben, in denen man aufhört zu funktionieren. In denen das, was man geplant hat – die Karriere, die Beziehungen, das Selbstbild – plötzlich zerfällt. Für mich war das der Moment, in dem ich aufhörte so zu tun, als würden sich die Dinge wieder fügen, und zu warten, dass es besser wird. Also ging ich.
Alleine. Mit Zug, Bus und allem was vorwärts rollte. Von der Schweiz durch Europa, die Türkei, den Iran, Pakistan – bis an den Fuss des Himalayas. Ich reiste nicht in den Urlaub und auch nicht aus Abenteuerlust. Ich reiste, weil ich keine andere Wahl sah. Sechs Wochen, sieben Länder und unzählige Begegnungen mit Menschen, die nichts von mir wussten und selbstlos gaben – ohne zu fragen und ohne zu erwarten.
Zuerst in den Höhen Changthangs und danach im Kaschmirtal begegnete ich Realitäten, mit denen ich mich ohne es damals bereits zu wissen tiefer auseinandersetzen würde. Wo Menschen seit Jahrzehnten mit beeindruckender Disziplin und Hingabe dieselben Bewegungen machen. Wo Nomaden dieselben langen Strecken hinter sich lassen wie ihre Ahnen lange Zeit vor ihnen, wo Frauen Garn spinnen wie ihre Grossmütter und deren Grossmütter vor ihnen, und Männer es kunstvoll färben wie ihre Grossväter und deren Grossväter vor ihnen – bevor es am Webstuhl mit höchster Präzision und grösster Geduld gewoben wird. Genauso, wie es Generationen vor ihnen bereits taten.
Hände, die genau wissen was sie tun, weil sie es gelernt und gemeistert haben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Ein Handwerk, das Invasionen, anhaltende Unruhen und zahlreiche Kriege überstanden hat – dank den tapferen Menschen, die allen Unsicherheiten, Schwierigkeiten und technologischen Veränderungen bis heute getrotzt haben, um dieses kulturelle Erbe weiterzugeben.
Ich begegnete echter Würde. Und ich sah, wie diese Würde von der Welt übersehen wird.
Warum Gaash
Mode hat mich ehrlicherweise nie als Industrie interessiert. Was mich hingegen interessiert, sind Menschen – und die Frage, unter welchen Bedingungen das entsteht, was wir konsumieren, und was gesellschaftlich und menschlich wertschöpfend und erhaltenswert ist.
Ein Pashmina-Schal aus Kaschmir ist nicht wertvoll und kostspielig, weil er unter einem bekannten Label vertrieben wird. Er ist es, weil echte Menschen Monate ihres Lebens dafür gegeben haben. Weil Tiere Monate unter schwersten Wetterbedingungen gehütet wurden, Fasern von Hand gekämmt, von Hand gesponnen und von Hand zu einem Kunstwerk gewoben wurden – in einer Tradition, die Jahrhunderte überlebt hat und heute aufgrund unseres Konsumverhaltens und des unaufhörlichen Verlangens nach mehr vom Verschwinden bedroht ist. Und damit auch die Existenzsicherung ganzer Gemeinschaften.
Gaash ist ein Versprechen, dass diese Arbeit gesehen und gewürdigt wird. Und dass die Menschen, die dafür kämpfen, dieses unglaubliche Handwerk am Leben zu halten, einen würdigen Platz in der globalen Wirtschaft haben.